Wie nenne ich einen Schachverein ? (Eine Glosse von Dirk Michael)

Wie ich meinen eigenen Verein nenne ist völlig klar. "Schachfreunde Hettstedt". Entstanden ist der Name in Anlehnung an unseren langjährigen Partnerverein, die "Schachfreunde Vöhringen". Diese Partnerschaft war bereits gefestigt, als 1997 in der Abteilung Schach des SV Blau-Weiß Hettstedt beschlossen wurde, dass wir keine kümmerliche Sparte (Sektion) mehr sein wollten, sondern ein stolzer eigenständiger Schachverein. Denn Schach ist eben ein wenig besonders . . . besonders ein wenig anders als andere Sportarten. 
Damals kam mir die Namensgebung schrecklich bieder und uninspiriert vor - ich überlegte an wunderbar exotischen Namenskreationen, wie sie einmalig und unverwechselbar gewesen wären, z.B. Damentausch e.V. oder Damenfesselung e.V. , fand aber nur wenig Resonanz mit meinen Ideen. Heute bin ich mit dem Namen sehr zufrieden. Denn "Freunde" klingt so schön unprätentiös und positiv. Außerdem prangt "Schach" im Namen, was im Vergleich zu Mehrsparten-Vereinen schon ein ordentliches Privileg ist. Unter den 27 Vereinen im Schachbezirk Halle strahlt unser Name kurz und unverwechselbar hervor, bilde ich mir ein. 

Ähnlich prägnant klingt: "Schachzwerge Halle", doch es ist zu befürchten, dass sich kleinwüchsige Schachspieler-Persönlichkeiten von dieser Namenskreation nicht unbedingt angezogen fühlen. Aber es ist wohl ein Kinderschachverein, also eher ein "Lebensabschnittsverein", für den man irgendwann schlicht zu groß werden kann. Immerhin wurden "Schachzwerge Magdeburg", gewandet im typischen grünen Vereins-T-Shirt, mittlerweile auch schon in der Größe XXL gesichtet Aufdruck: "Kleiner Körper - Großer Denker". 
Etwas irreführend - zumindest für einen Schachverein - ist der 1.FC Romonta Amsdorf bezeichnet. Aber Schach ist ja bekanntlich wie Fußball, nur eben ohne Würfel. Nicht-Insider interpretieren gelegentlich auch den Vereinsnamen "Roland Weißenfels" fehl und meinen, sie hätten es hier mit einer leibhaftigen Person zu tun, was schon zu lustigen Situationen führte. 
Dann gibt es da noch die "Schachgemeinschaft Sennewitz". Das klingt herzig und traditionell, aber auch ein klein wenig nach Selbsthilfegruppe oder Ökosiedlung, nach einer sozialen Gruppe mit gemeinsamen Auffälligkeiten, oder nach einer Sekte. Markant ist zweifellos "SV Roter Turm Halle". Benannt nach einem markanten Bauwerk der Stadt. Für den Uneingeweihten könnte das aber auch wie die letzte Trutzburg der Weltrevolution klingen, wo sich Kommunarden mit Stirnband die Zahnbürste teilen. Der Eingeweihte hingegen könnte sich mit ein wenig Phantasie gut vorstellen, dass am Fuße dieses Turms verschiedene Vereinsvertreter herumlungern und lockend rufen : "Rapunzel, lass Dein güldenes Haar herunter zu uns" - und gemeint ist Meistertrainer Schneidewind und seine "goldenen", stets umworbenen Jungtalente. 

Der Blick auf die Vereine in ganz Sachsen-Anhalt offenbart weitere Perlen: Der "SV Klötze Süd" ist sicher eine gute Adresse für alle "Klötzchenschieber" und angesichts der überschaubaren Größe des Ortes ergibt sich durch das  Hinzufügen der Himmelsrichtung beinah schon eine konkrete Adresse für Interessierte. "Harzkalk Rübeland" könnte der Name einer Firma sein, benannt nach der Frau des Inhabers, die man sich nicht so recht vorzustellen vermag. Und der "SV Freibauer Barleben" ist keine Kampfgemeinschaft der Landwirte für ihre Freiheit von Agrarsubventionen oder ein Heimatverein zur Pflege bäuerlichen Brauchtums. Immerhin 10 Vereine in Deutschland setzen auf den "Freibauern" als Namen. (Wieviel Freibauern sind eigentlich während einer Partie theoretisch gleichzeitig möglich? 16?) 
Die "Schachfreunde Zeitnot" haben in ihrer Namensgebung irgendwie den gemütlichen Teil des Schachspiels konsequent ausgespart. Mit drei Mitgliedern ist es der kleinste Schachverein in Sachsen-Anhalt - aber im Verhältnis "Aktivität zu Mitgliederzahl" auf jeden Fall ganz vorn dabei. Im Schachbezirk Dessau schließlich könnte es theoretisch zum Wettkampf von "Chemie Wolfen" gegen "Chemie Bitterfeld" kommen, natürlich ohne dass das Spiellokal samt Sperrzone anschließend für die nächsten 400 Jahre kontaminiert wäre . . . 
Aber egal welche Namesschöpfungen die Gründerväter der Vereine vollbracht haben, eines ist immer klar: Gens una sumus !