Bezirksschachtag Halle: Expandierende Schrumpfung

Eindrücke von Dirk Michael

Eine wahre Flut von 17 Anträgen war abgearbeitet, als sich die Delegierten der Vereine des Schachbezirkes Halle nach 6-stündigem sonntäglichem Sitzungsmarathon voneinander verabschiedeten.

Manche Anträge waren nur einfache Anpassungen von Formulierungen. Ein Eil-Antrag von Spielleiter Nico Markus brachte die Knallgasprobe, beinhaltete er doch eine wichtige Weichenstellung für die Zukunft. Und durchaus rasch und flüssig wurde er zugelassen und dann angenommen. So wird nun ab der Serie 2020/2021 in der Bezirksliga nur noch mit 6 Brettern gespielt ! Nachdem die Reduktion zuletzt schon für die Bezirksklasse beschlossen und erprobt wurde, waren frei gelassene Bretter, Spielabsagen und Aufstiegsverzichte leider weiterhin permanente Probleme. Durch zusätzliche "Gesundschrumpfung" soll das Ligensystem seine Schwachstellen verlieren. Zweischneidig, mutig, voreilig - alles ist möglich !? Hettstedt stimmte jedenfalls für Nicos Antrag. 

(Das ist einerseits ein trauriger Rückbau - aber der Versuch dieser "strukturellen Anpassung" im Bezirk scheint allemal kreativer und lösungsorientierter, als die auf Landesebene beschlossenen gigantischen Strafgelder für unbesetzte Bretter. So werden die allgegenwärtigen Probleme mal einfach höher "besteuert", was von den geplagten Vereinen eher als ein Foul denn als Freistoß empfunden werden könnte. Es sind 75 Euro Obolus fürs Offenlassen von Brett 1 oder 2 - oder 150 Euro für beide. Da kann man den Spitzenspielern der Landes-Teams nur eine gute und stabile Gesundheit wünschen ! Wird weiter hinten ein Brett frei gelassen, gibt es aber einen Strafgeld-Rabatt - vielleicht weil dort das schachliche Niveau eben auch niedriger ist oder weil die unbeschwerten Gemüter hinter den Spitzenbrettern einen geschenkten Punkt einfach moralisch besser verkraften ?
Und die goldene Zukunft unseres Landesverbandes scheint mir jetzt zum Greifen nahe, speziell wenn wir richtig fette Strafgebühren endlich auch noch nehmen für Abmeldungen, Vereinsauflösungen, Aufstiegsverweigerungen, freiwillige Rückzüge, überalterte Vereine, fehlende Funktionäre, fehlende Jugendtrainer etc. - und prompt sind jegliche Probleme im Land intelligent gelöst ! Achtung, Satire.)

Beschlossen für den Bezirk wurde weiterhin, die DWZ-Bremse (300 Punkte) von der Landesebene identisch zu übernehmen. Das gilt schon für die aktuell bevorstehende Serie - also aufgepasst bei den Aufstellungen. Und ab 2020/21 wird in der Bezirksoberliga mit Inkrement gespielt.

Mein eigener Antrag (Erleichterte Nachmelde-Regelung für Kindern- und Jugendliche) kam leider erst ganz zum Schluss zur Verhandlung, als viele schon in Aufbruchsstimmung waren. Die Ablehnung fiel - bei vielen Enthaltungen - recht knapp aus. Sehr anständig fand ich es, dass einige Vereine ohne Jugendliche sich hier enthielten. Andere ohne eigene Jugendarbeit haben dagegen gestimmt. Sie selbst hätten ja auch keinerlei Vorteil aus diesem Antrag zur Jugendförderung - also verhinderten sie vorsorglich vermutete Vorteile für andere. Wer schon weiß, dass er ohnehin niemals Jugendarbeit haben wird, kann da ungeniert destruktiv sein. Aber eben diese Vereine sind meist schon überaltert, und werden sich irgendwann auflösen müssen. Und dann gehen die übrigen Leute zu Vereinen mit Jugendarbeit - ganz einfach deshalb, weil es tendenziell nur Vereine mit Jugendanteil sind, die dann noch existieren werden. Diese Entwicklung ist bereits Realität. Deshalb könnten die Chancen für den (überarbeiteten) Antrag beim nächsten Mal vielleicht schon ein wenig besser sein. . . 

Grundsätzlich war der Bezirksschachtag aber von Sachlichkeit und Konstruktivität geprägt. Die Vereine hatten ihre besten Kräfte entsandt, bei denen Nicos konsens-orientierte Problembearbeitung auf fruchtbaren Boden fiel und die unseren Schachbezirk Halle seriös voranbringen wollen.